
Longyou-Höhlen
Das rätselhafte Höhlenlabyrinth der Longyou-Höhle , das unter Wasser verborgen lag.
Jahrhundertelang hielten die Bewohner eines Dorfes in der chinesischen Provinz Zhejiang mehrere Wasserbecken für ungewöhnlich tiefe Teiche. Niemand ahnte, was sich tatsächlich darunter verbarg. Erst als Dorfbewohner 1992 begannen, das Wasser abzupumpen, kam eine gewaltige, von Menschenhand geschaffene unterirdische Welt zum Vorschein.
Die Longyou-Höhlen gehören heute zu den faszinierendsten historischen Sehenswürdigkeiten Ostchinas. Riesige Hallen, mächtige Felspfeiler und Tausende regelmäßige Bearbeitungsspuren werfen vor allem eine Frage auf: Wer hat diese Anlage geschaffen – und warum?
Die Entdeckung begann mit einem Teich
Die Geschichte klingt beinahe wie der Beginn eines Abenteuerfilms. Im Dorf Shiyanbei im Landkreis Longyou gab es mehrere Wasserbecken, über die sich seit Generationen Geschichten rankten. Im Juni 1992 beschlossen vier Dorfbewohner, eines davon leerzupumpen.
Das dauerte wesentlich länger als erwartet. Doch schließlich tauchten unter dem sinkenden Wasserspiegel keine natürlichen Felswände auf, sondern offensichtlich bearbeitete Steinflächen.
Aus dem vermeintlichen Teich wurde der Eingang zu einer riesigen unterirdischen Halle.
Nach der ersten Entdeckung wurden weitere Wasserbecken untersucht. Schließlich identifizierte man in der Umgebung insgesamt 24 künstlich angelegte Felskavernen. (龙游石窟)
Von Menschenhand in den Fels geschlagen
Dass es sich bei den Longyou-Höhlen um natürliche Karsthöhlen handelt, kann ausgeschlossen werden. Wissenschaftliche Untersuchungen beschreiben sie als von Menschen geschaffene Kavernen, die in Schluffstein geschlagen wurden.
Allein die Dimensionen sind beeindruckend. Bei den fünf besonders gut untersuchten Höhlen liegen die Spannweiten zwischen etwa 18 und 34 Metern, die Höhen zwischen rund acht und 18 Metern. Felspfeiler tragen die Decken, außerdem finden sich Treppen, geneigte Wände und ausgeklügelte Strukturen zur Stabilisierung der riesigen Hohlräume.
Besonders auffällig sind die Oberflächen: Wände, Pfeiler und Decken weisen systematische Bearbeitungsspuren auf. Die Anlage war also kein zufälliges Ergebnis einfachen Steinabbaus, sondern erforderte erhebliche Planung und handwerkliches Können. (ScienceDirect)
Rund 2.000 Jahre alt – aber wofür?
Untersuchungen gehen davon aus, dass die Kavernen vor ungefähr 2.000 Jahren entstanden. Damit beginnt allerdings das eigentliche Rätsel.
Bis heute gibt es keine allgemein akzeptierte Erklärung für ihren ursprünglichen Zweck.
Diskutiert werden unter anderem eine Nutzung als Steinbruch, Lagerstätte oder militärischer Rückzugsort. Auch wesentlich spektakulärere Erklärungen kursieren im Internet. Für viele davon fehlen allerdings belastbare archäologische Belege.
Bemerkenswert ist vor allem, dass ein Bauprojekt dieser Größenordnung in den bekannten historischen Quellen nicht eindeutig dokumentiert ist. Auch die Frage, wie die Arbeiten organisiert wurden und wohin das herausgeschlagene Gestein gelangte, beschäftigt Forscher weiterhin.
Erstaunliches Wissen über den Untergrund
Neuere und ältere wissenschaftliche Untersuchungen zeigen allerdings, dass die Erbauer offenbar ziemlich genau wussten, was sie taten.
Die Position, Form und Stützkonstruktion der Kavernen trugen erheblich zu ihrer Stabilität bei. Forscher fanden außerdem Hinweise darauf, dass die Erbauer problematische Gesteinsschichten erkannt und bei der Anlage der Hohlräume berücksichtigt haben könnten.
Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung zur Stabilität einer zum Longyou-Komplex gehörenden Kavernenanlage kommt beispielsweise zu dem Ergebnis, dass die Kombination aus geneigten Decken und speziell geformten Pfeilern die langfristige Stabilität verbessert. Die Bauweise war damit für ihre Zeit bemerkenswert ausgeklügelt. (Springer)
Ausgerechnet das Wasser half bei der Konservierung
Und hier wird Longyou auch für uns als Wasserurlaub-Reiseziel besonders interessant.
Das Wasser hat die Höhlen nicht nur vor neugierigen Blicken verborgen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die jahrhundertelange Wasserfüllung wesentlich dazu beigetragen hat, die Felskammern zu erhalten.
Nach dem Abpumpen änderten sich Temperatur- und Feuchtigkeitsbedingungen. Seitdem müssen die geöffneten Kavernen überwacht und teilweise stabilisiert werden. Untersuchungen dokumentieren unter anderem Risse, eindringendes Wasser und kleinere Ablösungen am Gestein. (ScienceDirect)
Damit ergibt sich eine ungewöhnliche Pointe: Das Wasser, das die Longyou-Höhlen so lange unsichtbar machte, dürfte gleichzeitig zu ihrem Erhalt beigetragen haben.
Kann man die Longyou-Höhlen besuchen?
Ja. Die Longyou-Höhlen sind heute eine touristisch erschlossene Sehenswürdigkeit und als chinesische AAAA Tourist Attraction klassifiziert.
Besucher können Teile der riesigen unterirdischen Anlage betreten und dabei die Felspfeiler, Treppen und charakteristischen Bearbeitungsspuren aus nächster Nähe betrachten.
Nach den derzeit veröffentlichten Besucherinformationen ist das Gelände täglich von 8:00 bis 16:30 Uhr geöffnet. Der reguläre Eintrittspreis wird mit 85 Yuan pro Person angegeben. Da sich Öffnungszeiten und Preise ändern können, sollte man sie vor einer Reise nochmals überprüfen.
Im Inneren herrschen laut Betreiber Temperaturen von ungefähr 16 bis 18 Grad Celsius. Eine leichte Jacke ist daher selbst an warmen Tagen sinnvoll. Außerdem gibt es Treppen und teilweise nur schwach beleuchtete Bereiche. (龙游石窟)
Wo liegen die Longyou-Höhlen?
Die Höhlen befinden sich im Landkreis Longyou bei Quzhou in der ostchinesischen Provinz Zhejiang, südwestlich von Shanghai.
Mit der chinesischen Hochgeschwindigkeitsbahn lässt sich Longyou vergleichsweise gut erreichen. Vom Bahnhof Longyou dauert die Fahrt mit dem Taxi zum Höhlenareal nach Angaben des Betreibers ungefähr 15 Minuten. Von Quzhou sind es mit dem Auto etwa 30 Minuten.
Ein außergewöhnliches Ziel für Wasserurlauber
Baden, Tauchen oder eine Bootsfahrt durch die Longyou-Höhlen stehen hier nicht auf dem Programm. Trotzdem ist die Verbindung zum Wasser außergewöhnlich.
Ohne die mit Wasser gefüllten „Teiche“ wären die riesigen unterirdischen Hallen möglicherweise noch lange unentdeckt geblieben. Gleichzeitig scheint gerade dieses Wasser dazu beigetragen zu haben, ein rund zwei Jahrtausende altes Bauwerk zu konservieren.
Wer auf einer China-Reise ungewöhnliche Orte abseits der klassischen Sehenswürdigkeiten sucht, bekommt in Longyou deshalb eine faszinierende Kombination aus Archäologie, Ingenieurskunst und Wassergeschichte.
Und das vielleicht Spannendste an den Longyou-Höhlen ist, was man nicht weiß: Trotz moderner Untersuchungsmethoden ist bis heute nicht eindeutig geklärt, weshalb Menschen vor rund 2.000 Jahren einen derartigen Aufwand betrieben, um diese gewaltigen Hallen aus dem Fels zu schlagen.
Genau dieses ungelöste Rätsel macht Longyou zu einem Ort, der im Gedächtnis bleibt.
Für Wasserurlaub würde ich beim Titel nicht mit „mysteriöseste Höhlen der Welt“ oder ähnlichen Superlativen arbeiten. Stärker und seriöser finde ich den Wasser-Aufhänger: „Diese riesigen Höhlen lagen jahrhundertelang unter Wasser – bis Dorfbewohner einen Teich auspumpten“. Das erzeugt Neugier und entspricht dem belegbaren Kern der Geschichte.
Titelbild AI generiert.



